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Anna Sokhrina

ZWEI TAGE
Lesesaal

       Dort – in der Schwärze der Nacht, in der Leere und Fremdheit seiner unbekannten Wohnung – dort streckte ich die Hände aus und erstickte an seiner Nähe und seiner Verlegenheit und an meiner Zärtlichkeit, die stechend war wie ein Schmerz.
       Aber dann war es gewissermaßen vergessen. Vergangen. Genauer gesagt, es hatte sich irgendetwas im Innern eingerollt, wie ein Keimling im Samenkorn, und wartete auf seine Stunde.
       Als wir uns wiedertrafen, warst du aufgeregter als ich. Du hattest es eilig, tratest an den Ampeln aufs Gaspedal, hattest Angst dich zu verspäten. Unauffällig tratest du näher.
       „Junge Frau, Sie warten nicht etwa auf mich?“
       Galant öffnetest du die Tür, wir setzten uns, sahen einander voller Freude und Erstaunen an, fuhren ab – los gings!
       Kreuzungen, Lichter, bunte Reklame – das Zentrum von Moskau.
       „Ich habe nicht zufällig deine Pläne durchkreuzt und durcheinander gebracht?“Mit einem Lächeln sahst du mich an.
       Du hast MEIN Leben durcheinander gebracht. Alles in mir hast du in Unordnung gebracht, wie ein Windzug Papierblätter vom Tisch weht – es bleibt nur, sie aufzusammeln – dachte ich und lächelte zurück.
       Zwei Tage waren es – mein ganzes Leben werde ich mich an sie erinnern. Diese Tage gehören mir! Alt werde ich sein, buckelig, die Haut wie Pergament, aber daran werde ich mich erinnern.
       Jene schneebedeckte Chaussee, die in der Sonne glitzert. Jene Empfindung wunderbarer Nähe, die nur dann gibt, wenn beide jung, verliebt und ohne Eile sind und die Nacht vorüber ist – die lange Nacht voller Berührungen, Flüstern, voller schwerer, leidenschaftlicher, zärtlicher Küsse. Alles würde ich dafür geben …
       Wie herrlich war der Morgen! Weit geöffnet, frostig. Ringsumher Schneefelder und die leere Chaussee, aber eine solche Erfülltheit, eine solche Freude, niemand wird gebraucht, wir sind allein auf der ganzen weißen Welt.
       Dass es so ist – alles sofort -, das kommt selten vor. Vielleicht auch niemals. Das ist wie ein Geschenk des Schicksals, dass man dankbar annehmen muss, ohne um Verlängerung, eine Fortsetzung zu bitten.
       „Man steigt nicht zwei Mal in den selben Fluss…“
       Scharfe Unterbrechung.
       „Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist immer ein Spiel. Mit ziemlich strengen Regeln.
       Ich hatte die Regeln verletzt und alles wurde anders, in einem Augenblick. Als hätte man das Licht ausgeknipst, als führen wir, rasten wir und – stop! Oh, diese dumme weibliche Geschwätzigkeit, wenn die Zunge länger ist als der Verstand…Was bleibt jetzt noch? Nicht einem französischen Film sind wir, wo zwei bei eindringlicher Musik fahren, einander lieben, sich unterhalten. In jedem beliebigen Moment kann man da ganz nach Wunsch innehalten, den Film zurückspulen, ein Bild herausschneiden. Hier ist nichts anzuhalten, nichts zurückzudrehen – das hier ist die Realität, mein Leben.
       Ich denke, du konntest damals tatsächlich nicht zurückkehren, um mich abzuholen oder wolltest du einfach nicht? Ich saß bei Lenka auf dem Sofa und wartete. Lenka und Oleg gingen aus dem Haus, sie waren eingeladen. Ich blieb.
       Ich war versteinert vor Erwartung. Ich zog mich zusammen, erstarrte – alles hatte sich in Erwartung verwandelt. Wie in der fernen Kindheit, als ich, unter einem Tisch kauernd, in einem fremden Haus, wo man mich für einige Stunden zurückgelassen hatte, auf Mama wartete und zu atmen, mich zu bewegen fürchtete, damit man mich nicht fände und hervorzöge.
       Und ich hatte nicht gewusst, dass ich derart warten kann! Der Wecker zeigte die Zeit an, er wurde nicht schneller, hatte kein Mitleid, als er mit seinem Blecheingeweide die Minuten zählte …
       Ich streckte mich, sprang vom Sofa und warf meine Sachen in meine Tasche. Ich fuhr mit dem Fahrstuhl hinunter – eine Hoffnung gab es, ich ging in die frostige Kälte hinaus, der Wind nahm die Hoffnung fort. Draußen war es kalt und leer. Und gestern noch hatten die Rosen geblüht, das Gras war grün, die Vögel sangen …
       Leer ist es im Innersten, kalt und gleichförmig – eine Schneewüste. Und der Wind fegt darüber hinweg.