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Anna Sokhrina

DER WEG ZUM TOTEN MEER
Lesesaal

       Während ich – Ironie des Schicksals – im zusehends dahinwelkenden Petersburg hocken blieb bis zuletzt, bis das Schicksal mich mit einem mächtigen Fußtritt nach Deutschland schleuderte. Dort fühlte ich mich die erste Zeit wie ein aufs Trockene geworfene Fischchen, das erstickend, nach seiner gewohnten Atemluft schnappt. Dann gewöhnte ich mich etwas ein und begann mir Rechtfertigungen zurechtzulegen: Wegen der Kinder, ausschließlich wegen der Kinder, sind wir weg …
       Auf die Besuchsreise nach Israel bereitete ich mich lange und sorgfältig vor, streifte Billigläden und wühlte nach Geschenken für die vielen israelischen Verwandten und Freunde. Schließlich kamen wir an. Der Flughafen Ben Gurion empfing uns mit trockener Hitze und leidenschaftlichen Umarmungen der Verwandten. Ein Kaleidoskop von Eindrücken, bunt wie Steinchen am Ufer des Toten Meeres, flimmerte vor meinen Augen, haften blieben kurze Szenen, Schnappschüsse und Gesprächsfetzen.
       Der Gesamteindruck war der: Ich taute innerlich auf. In Deutschland, besonders in den ersten Jahren, hatte ich mich eingefroren gefühlt, wie eine Feinfrostkonserve. Wobei die Seele, instinktiv die Notwendigkeit des Kräftesparens erkennt, nur noch auf die notwendigsten Impulse reagiert. Und in Israel erwärmte ich mich.
       Interessant, drei Jahre später, bei meiner zweiten Reise nach Israel, hatte sich die Situation verändert. Die jüdische Emigration aus den Ländern der auseinander gefallenen Sowjetunion hatte Massencharakter angenommen, in vielen der geleckt sauberen deutschen Städte haben sich Freunde und Verwandte angesiedelt. Die Juden unternehmen Besuchsreisen zu einander, und nach und nach wird deutlich, dass es sich auch in Deutschland leben lässt.
       Die Dinge haben sich zurechtgeschüttelt …