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Anna Sokhrina

EMIGRATION
Lesesaal

       „Wenigstens die Alten dorthin bringen. Wenn die bloß die Reise durchhalten …“, sagte jemand auf dem Bahnsteig.
       Wohin fuhren sie? In ein neues Leben. In was für eins? Offensichtlich in ein wundervolles. Mit Kaufläden so groß wie Paläste, in denen es alles gibt und in die man wie in ein Museum hineingehen kann. In Städte, in denen die Straßen mit Putzmitteln gewaschen werden, wie der Fußboden in der Wohnung, wo die Krankenhäuser hell und geräumig sind, die Krankenschwestern fürsorglich und die Ärzte jedem Patienten Importmedizin verschreiben.
       Sie fuhren in den Westen. Für einen sowjetischen Menschen war damit alles gesagt.
       In der Haltung eines ehemaligen Berufsoffiziers schritt Großvater Jascha gravitätisch den riesigen Berg von Koffern und Bündeln ab und hielt dabei eine Angelrute in seiner Hand. Wozu schleppte er seinem achtzigsten Lebensjahr aus seinem ramponierten Leningrader Heim, in der er den Großteil seines bewussten Lebens, gute wie schlechte Tage, verbracht hatte, in dem er Kinder gezeugt und großgezogen hatte, von allem, was er lieb gewonnen hatte, was für immer mit ihm verflochten war, von allem, was er verschenken musste oder einfach für einen Apfel oder Ei verkaufen oder dalassen musste, ausgerechnet die Angelrute in ein fremdes Land mit?
       Die Angel passte in keinen normalen Koffer. Die Tante stöhnte laut, schluckte Baldrian, nahm irgendetwas heraus und setzte sich mit voller Wucht auf den widerspenstigen Kofferdeckel, der nicht zugehen wollte, holte etwas heraus und legte es beiseite, wischte sich die Tränen weg und setzte sich wieder. Was konnte nur so wichtig an dieser Angel sein? Wo man sogar das Beste, das Liebste, im Schweiße seines Angesichts Erarbeitete dalassen musste?
       Aber Großvater beharrte darauf. Am Abfahrtstag trat er aus der Haustür, blickte ein letztes Mal zu den leeren dunklen Fenstern und hatte die Angel in der Hand.