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Anna Sokhrina

DIE BESCHNEIDUNG
Lesesaal

       Neulich ging ich zu meiner Nachbarin Sonja und traf sie in schrecklich aufgeregter Stimmung an. Ihr siebzehnjähriger Sohn war auf die Idee gekommen, sich beschneiden zu lassen.
       „Wozu brauchst du das!?“, rief sie und schlug theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen, „Reicht dir der Name Rabinowitsch nicht?“
       Der ellenlange Dima hockte in der Sofaecke und guckte mürrisch.
       „In diesem Alter!“ rief Sonja entsetzt.
       „Wenn meine klugen Eltern nicht darauf gekommen sind, das an meinem achten Lebenstag zu erledigen ...“
       „Wovon redest du!“, Sonja war auf hundertachtzig, „Du hast keine Ahnung, wie wir gelebt haben! Dein Papa hat in einem Institut mit höchster Geheimhaltungsstufe gearbeitet. Vonwegen Beschneidung! Wir wären bei jeder Arbeitsstelle achtkantig rausgeflogen, wenn wir die Synagoge nur betreten hätten. Am nächsten Tag hätten sie uns schon zum KGB-Offizier zitiert, so wie Papas Kollegen Lifschitz. Was verstehst du schon von diesem Leben ...“
       „Mama, ich möchte ein vollwertiger Jude sein.“
       „Bist du etwa nicht vollwertig? Alle deine Vorfahren sind Juden. Das mit der Beschneidung haben sie euch in eurem Jugendklub in der Gemeinde ins Ohr gesetzt, stimmts?“
       „Nein, stell dir mal vor“, wandte sie sich, mit ihren schwarzen Augen wild funkelnd, um Unterstützung an mich, „statt Geld für die Integration zu geben, für Deutschkurse oder für irgend etwas Nützliches, haben die Schlauköpfe in der Gemeinde einen Schlachter aus England geholt ...“
       „Keinen Schlachter, einen Mohel. Ein Schlachter schlachtet Hühner.“
       „Siehst du! Ich sage doch, daß du einen Verstand wie ein Huhn hast. Jetzt sollst du dich auf die Prüfungen vorbereiten, dein Abitur machen ... Sag du’s ihm ...“, genervt pustete Sonja eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
       Ich trampelte unsicher von einem Fuß auf den anderen:
       „Erstens tut es weh ...“
       „Und zweitens ist es schön“, zitierte Sonjas Sohn einen Witz als Antwort.
       „Mutter“, sagte Sonjas Mann Fima versöhnlich, als er aus dem Schlafzimmer kam, „was regst du dich so auf? Soll das Kind doch machen. Was ist schlecht daran? Du ahst schließlich auch einen beschnittenen Mann ...“
       „Und ziemlich kurz“, sagte Sonja giftig und knallte die Tür.