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Anna Sokhrina

ICH HÄTTE AUCH GERNE EINEN ALI BABA
Lesesaal

       Bella Michailowna war eine selten nüchtern denkende Frau, wie man sie nach so vielen Jahren sieht. Nachdem sie früh ihren Mann verloren hatte und die Erziehung und den Schulbesuch ihrer Tochter mit dem bescheidenen Gehalt einer Biologielehrerin allein bestreiten musste, hatte sich Bella Michailowna die einfachen und ewig gültigen Formeln des Lebens zu eigen gemacht.
       Und während sich in unseren leichtsinnigen Köpfen die rosarbenen Wolken der Jugend ballten, brachte uns Bella Michailowna sanft und ohne Druck, wie sie alles tat, die Lebenswahrheiten bei. Unter dem gelben Lampenschirm ihrer kleinen Küche, bei einem Glas Tee und dem unverwechselbaren Hefegebäck – wie sich das ins Gedächtnis eingegraben hat, als sei es erst gestern gewesen – wurde uns mit leichten Seufzern ausführlich davon erzählt, dass die Jugend eine leichtverderbliche Ware ist und dass die romantischen Wunschträume schnell verfliegen – und was bleibt dann? Es bleibt das Leben. Und das Wichtigste, was ein Mädchen in diesem Leben tun muss ist, sich den richtigen Mann auszuwählen. Und einen Beruf natürlich. Gott sei Dank leben wir nicht in der Steinzeit. Obwohl der Mann trotzdem wichtiger ist…
       Diese Belehrungen galten uns dreien – ihrer Tochter Lisa, mir und Elka Werbizkaja, der Schönsten in unserer Fakultät. Nach all den Jahren scheint mir, Bella Michailowna besaß nicht nur einen klaren nüchternen Verstand, sondern auch die Gabe der Vorahnung. So sagte sie Elinka ein verworrenes Schicksal voraus, als sich noch alles so wunderbar zu fügen schien.
       „Mein Mädchen, sagte sie kopfschüttelnd, als Elka Boris Krasnizki mitbrachte, ein Jüngling, schnurrbärtig und mit weißen Zähnen, der seine ganze weibliche Umgebung um den Verstand brachte, - das ist doch kein Ehemann. Das ist ein Mann vom Typ „lass uns mich gemeinsam lieben“.
       Ihre Tochter Lisa, dicklich braunäugig, nicht sehr groß, mit einem Wort nichts Besonderes, besaß jedoch einen gutmütigen Charakter, symphatische Grübchen in den Wangen und hatte für jeden ein gutes Wort. Deshalb gefiel sie vielen meiner Klassenkameraden. Und als der erste Anwärter auf ihre Hand und ihr Herz bei Lisa erschien, sagte Bella Michailowna, nachdem sie den Jüngling abschätzig angesehen hatte:
       „Lisa, wenn du dein ganzes Leben in einer Kommunalwohnung mit einem Lohn von hundert Rubeln leben willst, dann heirate ihn…“
       Und der Kavalier bekam eine Absage.